
Französisches Kulturzentrum
(Gymnasium Esteqlal), Kabul
28.04 - 02.05.2008
First Take
"...wenn Du zu meinem Haus kommst, lieber Freund,
bring mir eine Lampe und eine Luke,
aus der ich das Gedränge in der glücklichen Gasse sehen kann."
Forugh Farrokhzad
Die Welt kann unter Deinen Flügeln liegen,
das Leben in Deinen Händen,
wenn Du aufstehst und gehst,
und die Freiheit und den Flug,
mit dem lautesten Ruf,
mit der Stimme einer Frau,
ausrufst.
Wir wollten ein Fenster öffnen,
so klein es auch sei.
Und vielleicht kann
auf Deine kalten einsamen Jahreszeiten
ein Lichtstrahl scheinen,
so matt er auch sein mag.
Diana Saqeb
SECOND TAKE beschreibt die Wiederholung einer Einstellung, um ein
besseres Ergebnis zu erzielen. Die zweite Einstellung ist niemals identisch
mit der ersten. SECOND TAKE als Filmfestival ist die Fortführung des
Filmprogramms SPLICE IN, das zuvor in Deutschland zu sehen war.
In der kurzen Geschichte des afghanischen Kinos stehen seit 2001 Frauen
erstmals auch hinter der Kamera. Ihre filmische Arbeit ist zugleich eine
politische, in der sie die gegenwärtige Situation reflektieren und
kritisieren sowie sich für den künftigen Status von Frauen in
der afghanischen Gesellschaft engagieren.
Dem wiederholt instrumentalisierten Thema "Frauen und Afghanistan" stellt das Festival SECOND TAKE lokale Initiativen von FilmemacherInnen, Schauspielerinnen und Frauenorganisationen gegenüber, deren politische Arbeit oftmals weit vor die Taliban-Zeit zurückreicht und auch aus dem Exil geführt wurde.
SECOND TAKE zeigt aktuelle Dokumentarfilmproduktionen, abendfüllende Spielfilme und kurze Aufklärungsspielfilme, wie z.B. den 2004 gedrehten kurzen Kurzspielfilm Rushany ("Klarblick") des Regisseurs Latif Ahmadi, der auf eine humorvolle Art und Weise von der Alphabetisierung von Frauen auf dem Dorf handelt. Außerdem werden zwei historische Filme aus dem Archiv von Afghan Films zu sehen sein: der 1969 gedrehte Spielfilm Talabgar ("Der Heiratskandidat") von Khaleq Alil und der 1990 gedrehte Kurzspielfilm Sayeh ("Schatten") des Regisseurs Alqas.
In einen filmischen Bogen nach Indien, Iran, Europa und USA werden Themen
wie Gender und Gesellschaft innerhalb und über nationale Grenzen hinweg
verhandelt. So dokumentiert z.B. der indische Film Nari Adalat
("Frauengerichte") der Filmemacherin und Frauenaktivistin Deepa
Dhanraj eine aus Selbstinitiative hervorgegangene alternative Rechtsform,
die in bestehende hierarchische Rechtsstrukturen eingreift. In dem Dokumentarfilm
Ruz-e gar-e ma ("In diesen Zeiten") begleitet die iranische
Regisseurin Rakhshan Bani-Etemad die 48 Kandidatinnen, die sich 2001 vergeblich
für das Präsidialamt bewarben. Historisch wird mit den Dokumentarfilmen
der berühmten iranischen Regisseurin und Dichterin Forugh Farrokhzad
und des Regisseurs Kamran Shirdel an das iranische Kino der 1960er Jahre
angeknüpft. Der 1996 von Jean-Luc und Pierre Dardenne in Belgien gedrehte
Spielfilm La Promesse behandelt die Situation von Flüchtlingen
in Belgien und die Beziehung des 15-jährigen Igors zu seinem Vater.
Das Filmprogramm SPLICE IN war zuvor in Deutschland in Kassel, Berlin und in Hamburg zu sehen und wurde nun in Kooperation mit CACA-Kabul in Kabul unter dem Titel SECOND TAKE neu zusammengestellt.
Last Take
Die derzeitige Atmosphäre, in der die Menschen unter einer instabilen
Lebensrealität leiden, die alltäglichen Explosionen das Leben
erheblich erschweren und in der Kultur angefeindet wird, in diesen Zeiten
ist es scheinbar ein Ding der Unmöglichkeit, ein Filmfestival zum Thema
Gender zu organisieren.
Die Entschlossenheit des Veranstalter_innen-Teams, eine offene Atmosphäre
zu schaffen, hat uns trotz der widrigen Umstände aus Deutschland und
Afghanistan zusammengebracht, damit das Filmfestival SECOND TAKE Früchte
tragen kann.
mazefilm, ist eine unabhängige Künstlerinnengruppe, die in Berlin
von zwei Künstlerinnen gegründet wurde. Dokumentarfilmproduktionen,
Forschung zu Gender und Politik im Film und das Veranstalten von Filmfestivals
bilden die wesentliche Arbeit dieses künstlerischen Zusammenhangs.
Afghanistan steht seit einigen Jahren im Zentrum der Arbeit dieser Gruppe.
So war mazefilm an der Herausgabe des Buches Kabul/Teheran 1979ff - Filmlandschaften,
Städte unter Stress und Migration, einem Buch zu Film, Stadtentwicklung
und Migration und an der Ausstellung Kabulistan in Madrid beteiligt.
Dem Zentrum für Kunst und Kultur Afghanistan (CACA-Kabul), 2003 in
Kabul gegründet, ist es ein wichtiges Anliegen, unabhängige und
neue Entwicklungen zu bewirken.
CACA-Kabul produziert Dokumentarfilme, ist Herausgeber des Literatur- und
Kunstmagazins Honarmand, organisiert Filmfestivals und veranstaltet unter
dem Namen Cinema-Club Diskussionsrunden zur Kritik und Analyse von Filmen.
Gemeinsame Auffassungen haben die Zusammenarbeit zwischen mazefilm und CACA-Kabul und die Realisierung des Festivals SECOND TAKE in Kabul ermöglicht.
Nicht zuletzt wollen wir diejenigen erwähnen, die uns bei der Realisierung des Festivals SPLICE IN in Deutschland und SECOND TAKE in Afghanistan unterstützt haben und ihnen an dieser Stelle danken:
Ingenieur Latif Ahmadi / Afghan Film / Kabul, Jochen Becker / metroZones / Berlin, Gabriel Buti & Kristell Dorval / French Cultural Center / Kabul, Kai Franke DAAD / Dushanbe, Jeannette Gaussi / Berlin, Golalai Habib / Donya-je zan / Kabul, Lien Heidenreich & Ibrahim Hotak & Rita Sachse Toussaint / Goethe-Institut / Kabul, Azra Jafari & Guissou Jahangiri / Armanshahr / Kabul, Tarous Jaghory / Kabul, Joost Janmaat / Amsterdam, Ali Karimi / CACA-Kabul, Merle Kröger / Berlin, Anke Marschall / Berlin, Jamila Mujahed & Matin Mujahed / Malalai / Kabul, Mowdood Popal / Kabul, Marion Müller & Semin Qasmi / Heinrich-Böll-Stiftung, Roya Sadat / Kabul, Nacir & Schabnam Alqas / Kassel, Katharina von Wilcke / DepArtment / Berlin, Leeda Yaqoobi & Afifa Azim / Afghan Women's Network / Kabul
Wir hoffen, dass das Ergebnis dieser Zusammenarbeit weitere Kooperationen
zwischen unabhängigen Gruppen im In- und Ausland zur Folge haben wird.

Plakat SECOND TAKE

Filmstill: Postcards from Tora Bora