«Cines de l’Afganistan: relatos de género y sociedad»
In der kurzen und wechselvollen Geschichte des afghanischen Kinos stehen seit 2001 erstmals Frauen hinter der Kamera. Ihre filmische Arbeit ist insofern politisch, als daß sie die gegenwärtige Situation von Frauen reflektieren und kritisieren und sich für den zukünftigen Status von Frauen in der Gesellschaft engagieren. Das Filmprogramm stellt dem immer wieder instrumentalisierten Thema von ‘Frauen und Afghanistan’ lokale Initativen von Filmemacher_innen, Schauspieler_innen und Frauenorganisationen gegenüber, deren Arbeit zum Teil weit weit vor die Taliban-Zeit zurückreicht und seitdem auch aus dem Exil verfolgt wurde. Diese Perspektiven werden mit Filmen aus der afghanischen Kinogeschichte, ebenso wie mit Produktionen aus Tadschikistan und Deutschland zusammengeführt, die Fragen zu Repräsentation, Gender und Migration adressieren.
Aktuelle screening-Termine:
21., 28. Juli und 4. August 2011 Centro Galego
de Arte Contemporánea,
Santiago de Compostela, Spain

UNGEDULDIG
entstanden im Rahmen des medienpädagogischen
Projekts mokala/basis&woge e.V.
Deutschland 2007; 28’; Deutsch/msU
„Ich kann meine Träume steuern, aber meine Realität nicht.
Dabei sollte es umgekehrt sein.“ Ungeduldig nennt sich die Gruppe
von sechs Jugendlichen aus Afghanistan, Indien, dem Iran und Sierra Leone.
Ungeduldig, weil sie nur geduldet sind in Deutschland, sie alle leben mit
ungesichertem Aufenthaltsstatus. Hamburg ist ihr Zuhause. Aber wie soll
man leben mit der ständigen Angst vor Abschiebung? „Duldung heißt:
keine Arbeit, keine Ausbildung, nichts machen können und nicht wissen,
was wird.“ Während des Drehs wurde das Bleiberecht eingeführt,
mit strikten Auflagen allerdings. Chander und Sushil sind jetzt auf Arbeitssuche,
um es beantragen zu können. Tanya wird es nicht erhalten.

11.000 KM FROM NEW YORK
Regie, Buch: Orzu Sharipov
Kamera: Georgiy Dzalaev
Schnitt: Muborak Sharipova
Tadschikistan 2005; 20 ‘; Dari, Paschtu, Uzbek/msU
Eine karge Landschaft in Nordafghanistan. Es wird gekämpft. Was bleibt,
sind verkohlte Landschaften, Menschen, die in die entlegensten Winkel der
Steppe fliehen. Im November 2001 zwingen die blutigen Kämpfe der Taliban
Tausende afghanischer Flüchtlinge, an der Grenze zu Tadschikistan Zuflucht
zu suchen. Orzu Sharipov begleitet den Alltag in den Flüchtlingslagern.
Kinder werden geboren, sie spielen, gehen in improvisierte Schulen. Auf
einem Gemeinschaftsplatz findet eine Performance statt: Ein Schauspieler
studiert mit dem Publikum unterschiedliche Arten des Weinens ein. Aus einer
Plastikplane wird ein Hochhaus gebaut. Zwei Jungen spielen mit fliegenden
Tüchern die Flugzeuge nach, die die Türme zerstören werden.

DAR DEKADAYE KE NAAKEL AKLAM MINAMAND / Half Value Life
Buch, Regie, Kamera: Alka Sadat
Produktion: Roya Cinematic House Production
Unterstützt von: WASSA (Women Activities & Social Services Associaton),
Christian Aid
Afghanistan 2008; 25’; Dari/msU
Mariya Bashir ist die einzige Anwältin in Herat. Alka Sadat begleitet
sie bei ihren alltäglichen Pflichten: bei der Arbeit und zu Hause.
Selbst ein Anschlag auf Mariya Bashir hält diese nicht davon ab ihre
Arbeit fortzuführen.

25 DARSAD / 25 Percent / 25 Prozent
Regie: Diana Saqeb
Kamera: Malek Shafi'i
Produktion: CACA-Kabul
Afghanistan 2007; 35’; Dari/msU
Trotz der vielen Verpflichtungen, die jede der sechs afghanischen Parlamentarierinnen in ihrem Privatleben als Ehefrau, Mutter und Tochter haben, bemühen sie sich in einem traditionell und männderdominierten Umfeld, sowohl innerhalb als auch außerhalb des Parlaments darum, ihrer Verantwortung gegenüber der Gesellschaft nachzukommen. Da den Frauen keine gesellschaftliche Position zuerkannt wird, müssen sie diese erst einmal behaupten.
PASSING THE RAINBOW
Regie: Sandra Schäfer & Elfe Brandenburger
gemeinsam mit den Protagonist_innen
Deutschland 2007; 71’; Dari/ msU
Der Film handelt von performativen Strategien, die rigiden Gendernormen in der afghanischen Gesellschaft zu unterlaufen: auf der Ebene filmischer Inszenierungen, in der politischen Arbeit und im Alltag. Zu den Protagonist_innen von Passing the Rainbow zählen eine Lehrerin, die gleichzeitig Schauspielerin ist, eine Polizistin, die nebenberuflich als Actionfilm-Regisseurin arbeitet, eine Aktivistin der Organisation RAWA, die für die radikale Trennung von Staat und Religion eintritt, eine Mädchen-Theatergruppe in Kabul und Malek_a, die als Junge lebt und so den Lebensunterhalt für ihre Familie verdient.
Die Regisseurinnen zeigen Ausschnitte aus Filmen der afghanischen Filmgeschichte,
begleiten Schauspieler_innen bei Dreharbeiten und inszenieren gemeinsam
neue Szenen. Die lokalen Akteur_innen sind Ko-Produzent_innen und Korrektiv
westlicher Perspektiven. Passing the Rainbow ist ein Film, der Szenen aus
dem Alltag der Darstellerinnen inszeniert, Geschlechterverhältnisse
reflektiert und Handlungsräume in der Fiktion öffnet.

Aus dem Archiv Afghan Films:
TALABGAR / Der Heiratskandidat / The Marriage Candidate
Regie: Khaleq A’lil
Darsteller: Kahn Aqasorur, Rasol Maimuna, Rafiq Sadek, Habiba Askar
Afghanistan 1969; 40’; Dari/msU
Nasser, ein Hochstapler und Gauner, hält um die Hand der Studentin
Sima an, die aus einer Kabuler Mittelschichtsfamilie stammt. Durch sein
Prestige-Gehabe gelingt es ihm, Simas Vater zu beeindrucken. Sima sieht
ihr Glück jedoch weder im Reichtum noch in der Heirat, sondern in der
Bildung, und lehnt sich gegen die Werte ihrer Eltern auf. Schließlich
fliegt Nassers Schwindel auf.

SAYA / Schatten / Shadow
Regie: Nacir Al Qas
Buch: Siddiq Barmak (nach einer Kurzgeschichte von Shalal Ahmad)
Darsteller: Yasemin Yarmal
Afghanistan 1990; 23’; Dari/msU
Der neue Ehemann akzeptiert den Sohn einer Kriegswitwe aus erster Ehe nicht. Schweren Herzens entscheidet sich die Witwe, gespielt von Yasemin Jarmal, den Jungen auf einem belebten Bazar auszusetzen. Der Film thematisiert ein typisches Phänomen während der sowjetischen Besatzung und der darauf folgenden Bürgerkriege. Viele Ehemänner sind während der Kriege ums Leben gekommen. Für die allein stehenden Witwen und Kinder war es wegen des strengen Gesellschaftskodex schwierig, ein neues Leben aufzubauen. Das dokumentarisch anmutende Setting und die schauspielerische Arbeit der Hauptdarstellerin erinnern an Filme des italienischen Neorealismus.
Hier fand das Filmprogramm bereits statt:
25.10.-27.10.2010 Puertas de Castila, Murcia
19.10.-21.10.2010 Casa Asia & Goethe-Institut Barcelona
21.11. -25.11.2010 Semana de Cine Experimental de Madrid & Casa Asia
Madrid
Zusammenstellung von:
Sandra Schäfer
Organisiert von:
Independent cultural platforms workingimages (Barcelona) & mazefilm
(Berlin)
In Zusammenarbeit mit:
Casa Asia & Semana Cine Experimental
Unterstützt von:
Goethe Institut Barcelona & Madrid
Übersetzung & Untertitel:
Casa Asia & Cineasia
Dank an:
Mònica Bernabé & Sagar Malé
Das Filmprogramm Cines de l’Afganistan: relatos de género y sociedad führt die Arbeit der Festivals SPLICE IN und SECOND TAKE fort, welche eine Zusammenarbeit zwischen mazefilm, basafilm, Afghan Films & Armanshahr (Open Asia) waren.